Slider

Das erste halbe Jahr – von Linda Staubli

Genade – Das erste halbe Jahr

Anfang Februar 2018 entschied ich mich, Linda Staubli, 22 Jahre, als Voluntär nach Namibia zu gehen. Ich hatte meine Ausbildung als Altenpflegerin abgeschlossen und wollte nach zwei Jahren Berufstätigkeit noch eine andere Welt kennenlernen, neue Erfahrungen machen, und mich sozial engagieren. Übers Internet lernte ich den Verein Children’s Home Namibia e.V. kennen und nahm Kontakt auf. Nach der Zusage, im Genade Kinderbewaarhuis für ein Jahr arbeiten zu können, ging es ans Planen und Vorbereiten. Dies bereitete mir sehr viel Freude und plötzlich war es soweit.

Am 5. Juni kam ich am Hosea Kutako International Airport in Windhoek an. Ich wurde von Ulli Mai, der Vereinsvorsitzenden von Children’s Home und Vertreterin vor Ort, empfangen und bekam durch sie erste Eindrücke. Sie erzählte mir viel über das Leben in Windhoek, in der Stadt und in den Townships und gab mir wichtige Hinweise.

Am nächsten Tag zeigte sie mir Katutura und „Genade“, eine – wie es hier heißt – „extended family“, in der rund 25 Kinder und Jugendliche leben. Justina, die Hausmutter, leitet auch einen Kindergarten mit rund 45 Babys und Kleinkindern. Auf dem Weg dorthin sah ich zum ersten Mal „shacks“, d. h. Blechhütten. In Soweto, dem Stadtteil, in dem Genade liegt, gibt es allerdings mehr feste Häuser, wenn auch oft sehr ärmlich.

Ich wurde von Justine, Teacher Rita und Lina und den Kindern sehr herzlich empfangen. Die Kinder rannten alle auf mich zu und wollten mich umarmen.

Tagesablauf

Mein Tag in Genade startet um 10 Uhr. Ich helfe bei der Betreuung der Kindergartenkinder in der Vorschule. Wir versuchen, den Kindern Grundbegriffe im Lesen und Schreiben sowie Rechnen beizubringen. Sie sollen auch Farben und Formen kennen lernen. Leider gibt es immer wieder Probleme mit den Lernmaterialien. Es sind zwar genug vorhanden, aber die Hausmutter und die Teacher haben oft Bedenken, sie auszugeben oder zu benutzen aus Angst, dass die Kinder sie kaputt machen.

Ein anderes Problem ist die Sprache. Der Unterricht sollte auf Englisch stattfinden. Das ist wichtig für die Schule. Allerdings ist Englisch für die Kinder meist die dritte Sprache. Sie haben ihre Muttersprache, z. B. Damara oder Otjiherero und dann Afrikaans.

Nach dem Unterricht geht es in den nahegelegenen Park zum Spielen oder wir malen zusammen. Gelegentlich dürfen sie fernsehen. Vor dem Mittagessen waschen wir Gesicht und Hände. Danach ist Mittagsruhe.

Am Nachmittag helfe ich Teacher Rita und den Schulkindern bei den Hausaufgaben. Ich betreue vor allem die Zweitklässler Mary und Sabine, helfe Torres in der ersten Klasse und bereite Kaute und Stephanie auf die Schule vor.

Die „Haus-Kinder“ haben zum Teil Verwandte, die aber nicht für sie sorgen können. Justine hat sie in ihre große Familie, eine Art informelles Kinderheim, aufgenommen. Finanziert wird der Alltag vom Verein Children’s Home Namibia. Am Nachmittag kommen auch Kinder in die „Afternoon Class“, die nicht im Haus leben, deren Familien aber sehr arm sind. Auch sie werden unterstützt, bekommen zu essen und Hilfe beim Lernen.

Um 15 Uhr ist meine Arbeit in der Regel beendet. Aber oft bleibe ich noch länger, unterhalte mich mit den größeren Kindern und Jugendlichen und bespreche mich mit Justine, Rita und Lina. Die Arbeit macht mir viel Freude, auch wenn die Herausforderungen doch oft groß sind. Es ist spannend, eine andere Kultur, andere Lebens- und Denkweisen kennen zu lernen. Verglichen mit meinem Zuhause in der Schweiz sind die Menschen sehr, sehr arm und müssen mit wenig klarkommen. Auch das ist eine wichtige Erfahrung für mich.

In meiner Freizeit versuche ich, soviel wie möglich vom Land Namibia kennenzulernen und zu reisen. Ich freue mich auf das zweite Halbjahr.